HOCHSENSIBILITÄT – TREND, AUSREDE ODER WOHLTAT FÜR DIE GESELLSCHAFT?

Hochsensibilität – Trend, Ausrede oder Wohltat für die Gesellschaft?

Das Wort Hochsensibilität ist in aller Munde. Doch was genau bedeutet es überhaupt, hochsensibel zu sein? Ein kleiner, zarter Versuch, das Phänomen greifbar zu machen.

Hochsensibilität ist keine Krankheit. Und genauso wenig ist sie eine Ausrede. Vielmehr ist sie eine Charaktereigenschaft, eine besondere Ausprägung, die ca. 1/5 aller Menschen „betrifft“ und deutlich empfindlicher für Außenreize macht. Warum das gut ist, und warum unsere Gesellschaft sensible Menschen braucht, darüber spreche ich heute.

Während ich hier an meinem Küchentisch sitze und diese Zeilen über dieses wunderbare Phänomen schreibe, stapeln sich die unterschiedlichsten Bücher vor meiner Nase. „Hochsensiblität – was tun?“, „Ernährung für Hochsensible“ „Hochsensibilität im Beruf“ und und und. Es freut mich immens, dass es immer mehr Menschen aus den verschiedensten Forschungsfeldern gibt, die sich diesem Thema annähern und es auf die unterschiedlichsten Arten betrachten und vor allem, dass sie ihre Ergebnisse in Büchern festhalten. Bücher, die uns begleiten, an die Hand nehmen, Verständnis und Zuversicht schenken.

Nichtsdestotrotz ist die Hochsensibilität eine Charaktereigenschaft, die so unterschiedlich ist wie mein und dein großer linker Zeh. Was ich damit sagen möchte: Ich versuche mich nun in einem ersten, kleinen Überblick. Nicht alles wird davon auf dich / jeden hochsensiblen Menschen zutreffen, und das ist absolut okay so. Nichts im Leben ist in Stein gemeißelt, das Leben fließt, und so fließen auch die Grenzen zwischen einer durchschnittlichen Sensibilität und der Hochsensibilität in all ihren Eigenschaften.

Hochsensibilität – was genau bedeutet sie?

Viele Menschen nehmen an, dass hochsensible Menschen stärker ausgeprägte Sinnesorgane haben. Das stimmt so nicht. Hochsensible Menschen haben genau die gleichen (guten wie schlecht ausgebildeten) Nasen, Ohren usw. wie alle anderen Menschen. Der Unterschied liegt irgendwo in der Reizverarbeitung, also im Gehirn. Dort sitzen Wahrnehmungsfilter, die uns dabei helfen, alle Informationen, die wir wahrnehmen, zu bewerten und darauf aufbauend zu selektieren und auszublenden. Während durchschnittlich sensible Menschen viele (unwichtige) Informationen aus ihrem Umfeld schlichtweg ausblenden können, nehmen hochsensible Menschen ihre Umgebung in voller Ladung wahr, da ihre Wahrnehmungsfilter schwächer ausgebildet sind. Dadurch sehen, riechen, fühlen, spüren und hören hochsensible Menschen oftmals mehr als normal-sensible* Menschen.

Das klingt zuerst toll. Und ganz oft ist es das auch. Als hochsensibler Mensch nehme ich das Leben in all seiner Farben- und Formenpracht wahr. Ich höre das Rauschen der Blätter, das Summen der Bienen, das leise, penetrante Klopfen eines Bauarbeiters drei Straßen weiter, ein Kind, das weint, während ich gleichzeitig Drachenköpfe in den Wolken entdecke, den Duft der Kirschblüte in der Nase spüre, mir die Stirn vom leichten Wind kitzeln lasse, merke, wie sich ein Streit zwischen vorbeigehenden Spaziergehern aufbraut und aus den Augenwinkeln sehe ich, wie ein Eichhörnchen auf dem Nachbarsbalkon auf Raubzug geht. All das, diese wunderschöne Vielfältigkeit des Lebens, passiert gleichzeitig, in einem Atemzug prasselt es auf mich hinein.

Hochsensible Menschen brauchen mehr Ruhe und Pausen

Wahrscheinlich kannst du dir vorstellen, wie erschöpfend das sein kann. Durch die intensive Wahrnehmung beanspruche ich meinen Kopf und Körper auch viel stärker als viele andere Menschen und brauche schneller eine Pause.

Im Fachjargon spricht man dann auch von einer Überreizung.  Diese Überreizung kann sich auf die unterschiedlichsten Arten bemerkbar machen. Viele hochsensible Menschen reagieren deutlich intensiver auf Lichteinflüsse und Geräusche. Andere HSP haben eine deutlich intensivere Gefühlswahrnehmung und fühlen sich, vor allem im öffentlichen Raum, schnell eingeengt. Vielleicht ist es aber auch die Luftqualität, der Koffein im Kaffee, das Kratzen des Kleidungsetiketts im Nacken, Emotionen, die in der Luft schweben – jede Hochsensibilität ist unterschiedlich stark ausgeprägt und zeigt sich auf die verschiedensten Arten.

Fakt ist, dass Außenreize hochsensiblen Menschen viel mehr ausmachen als normal-sensiblen Menschen. Wir Sensibelchen brauchen daher schneller einen Rückzugsort, eine Auszeit von all der Informationsflut, Abstand zu anderen Menschen und Zeit nur für uns allein. Dann können wir wieder durchatmen, unser Erregungsniveau senken und neue Energie tanken.

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Die moderne Gesellschaft braucht hochsensible Menschen mehr denn je

Trotz allem haben wir sensiblen Menschen unseren Platz in der Gesellschaft, auf den wir stolz sein können. Auch, wenn sie es manchmal nicht glaubt, sie braucht uns, die gute Gesellschaft. Wir sind die Schreiber*innen, Philosoph*innen, Künstler*innen, Forscher*innen, Historiker*innen, Therapeut*innen etc., die unsere Gesellschaft bereichern.

Nicht immer, aber sehr oft nehmen wir Hochsensiblen eine dieser Rollen ein. Weil wir viel grübeln, Dinge abwägen, den Sinn in unseren Taten suchen und uns unglaublich gut in andere Menschen und Gefühlslagen hineinversetzen können. Wir sind vielleicht nicht die, die auf der Bühne stehen und ihr Wissen in die Welt posaunen, aber wir sind die, die hinter dem Vorhang die Fäden spannen und das Gleichgewicht zwischen König*innen und Krieger*innen bewahren.

Manchmal bekommen wir zu hören, dass diese Hochsensibilität doch nur eine faule Ausrede sei. Ein guter Grund, um uns vor Stress, unangenehmen Aufgaben oder Überlastungen zu schützen.

Ich persönlich habe mich sehr lange von diesen Aussagen angegriffen gefühlt. Bis ich irgendwann festgestellt habe, dass es einfach schwer zu verstehen ist, wenn man selbst nicht in einem hochsensiblen Körper steckt. Schließlich habe ich selbst sehr lange geglaubt, eine ähnliche Wahrnehmung wie alle anderen Menschen zu haben und aufgrund psychischer Verwirrungen nur krasser zu reagieren. Bis ich eines Tages gelernt habe, dass ich tatsächlich etwas anders, besonders bin. Dass meine Ex-Partner manche Dinge vielleicht wirklich einfach nicht wahrgenommen haben, dass meine Ex-Vorgesetzte vielleicht wirklich nicht spüren konnte, was im Team los ist, dass meine alte Klassenlehrerin nicht wissen konnte, dass ich nicht schlecht höre, sondern einfach nur zu viel auf einmal.

Gegenseitiges Verständnis als Schlüssel für ein achtsames Miteinander

Wenn es also eine Lektion gibt, die ich dir und mir mit diesem Artikel schenken möchte, dann ist es die: Lerne, zu verstehen. Bewerte nicht direkt aus deiner Perspektive und Wahrheit. Falls du sensibel bist: Sprich über das, was du spürst, siehst, hörst, wahrnimmst. Es ist für die meisten Menschen nicht so offensichtlich, wie du denkst. Du kannst einen wunderbaren Dialog anregen. Trau dich. Es ist auch gar nicht so unangenehm, wie du denkst. Und auch, wenn die Welt es dir nicht direkt sagt, sie liebt und braucht dich sehr.

*Ich möchte keine Elite aus hochsensiblen Menschen machen, indem ich zwischen „hochsensiblen“ und „normal-sensiblen“ Menschen differenziere. Dabei geht es nur darum, die Unterschiede in den Wesenszügen deutlich zu kommunizieren, damit es leichter verständlich ist.

Lerne, deine Bedürfnisse zu achten und dir regelmäßig Auszeiten zu nehmen. Starte jetzt deine erste live Session und finde das passende Training für Körper und Geist und entdecke dein volles Potenzial!

Die Autorin

Die Autorin

Franziska Block

Franzi ist Texterin aus Hamburg – doch ihre Seele schlägt für die Welt. Franzi findet Worte, die bewegen. Ohne großen Lärm. Aber mit viel Humor und Herz. Franzi geht spazieren, nimmt dich mit auf eine Reise und verblüfft mit Sätzen, die klingen, als ob sich Jane Austen mit Paulo Coelho zum Kaffeeklatsch trifft. Ansonsten ist sie immer für Pommes und gute Gesellschaft zu haben. #sustainability #hochsensibilität #achtsamkeit

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